26.06.2018

"Karlchen, kommst du mal?"

Jutta Conrad hat den Roboter eine Woche lang getestet.
Jutta Conrad hat den Roboter eine Woche lang getestet.

Senioren haben einen Alltagsroboter getestet

Jutta Conrad hat den Roboter eine Woche lang getestet.Gestern fand in der Erfurter AWO Begegnungsstätte "Heckenrose" die Abschlusspräsentation für ein besonderes Projekt statt: ein sympathischer Hausroboter für alleinlebende Senioren hat sich nach erfolgreichem Feldtest der Öffentlichkeit vorgestellt.

Bei dem vom Bund geförderten Kooperationsprojekt "SYMPARTNER", an dem u.a. die TU Ilmenau und die Universität Siegen beteiligt waren, fungierte die AWO AJS gGmbH als Praxispartner. Projektmitarbeiterin Christin Steinmann hat in den Seniorenwohnanlagen der AWO interessierte Senior*innen als Teilnehmer an dem Feldtest gewonnen, sie für das Projekt begeistert und die Betreuung der Teilnehmer übernommen. Auch auf den Aspekt der Privatsphäre hat die AWO insbesondere geachtet. Das Projekt lief von April 2015 bis Juni 2018.


Weltweit erster Langzeiteinsatz eines Alltagsroboters

In insgesamt 20 Erfurter Haushalten, in den Senioren zwischen 62 und 94 Jahren allein leben, hat der 1,40 Meter große Roboter je eine Woche zugebracht. "Solche Tests sind bisher nur stundenweise und unter ständiger Anwesenheit eines Technikers durchgeführt worden - es handelt sich also um den weltweit ersten Langzeiteinsatz eines Alltagsroboters unter realistischen Bedingungen", so Prof. Dr. Horst-Michael Groß von der TU Ilmenau. Insgesamt hat der Roboter in dieser Testphase in 2.646 Einsatzstunden 25,4 Kilometer zurückgelegt und 4.090 Interaktionen mit den Teilnehmer*innen gehabt.

Der Roboter regt u.a. zu einer aktiveren Freizeitgestaltung an

Doch was kann der Roboter eigentlich? Er kommt, wenn er gerufen wird, spricht seinen Gegenüber aber auch von sich aus an und wünscht ihm zum Beispiel einen guten Morgen, guten Appetit oder einen schönen Tag. Er erinnert z.B. ans Trinken, an die Medikamente oder macht Angebote: "Lotte, möchtest du Musik hören?", "Es ist schönes Wetter draußen, Erich, möchtest du vielleicht Spazieren gehen?" oder "Helga, magst du telefonieren?" Mit auf den Spaziergang kommt der Roboter zwar nicht, aber er bietet eine Auswahl an Songs und Radiosendern oder auch Videotelefonie direkt über sein Display an. In der Wohnung kann er sich frei bewegen und findet selbst seine Ladestation.

Die meisten Senioren gaben ihm sogar einen Namen

"Das Feedback der Senior*innen war fast ausschließlich positiv", berichtet Sabine Spittel, AWO-Grundsatzreferentin für den Bereich Altenhilfe. Die Senioren empfanden die Interaktion mit dem Roboter als schöne Abwechslung. "Die meisten haben ihm sogar einen Namen gegeben, wie Karlchen oder einfach Süßer", ergänzt Dr. Sibylle Meyer vom Berliner Institut für Sozialforschung SIBIS. Jutta Conrad, Mieterin in der AWO-Wohnanlage "Heckenrose", demonstrierte den Roboter für die Pressevertreter in ihrer Wohnung. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie hier allein. "Ich fand es gut, im Alltag einfach von ihm angesprochen zu werden", verriet sie. "Sonst spricht man ja oft den ganzen Tag nicht, wenn man allein zu Hause ist."

Der Roboter sorgt auch für mehr soziale Interaktion

Marktreif ist der Roboter des SYMPARTNER-Projektes noch nicht. Die umfassende Studie hat aber viele wertvolle Erkenntnisse für die technische und konzeptionelle Umsetzung und auch die sozialwissenschaftliche Bedeutung von technischen Alltagsgefährten gebracht: Viele Menschen sind prinzipiell offen für den Umgang mit Robotern und gerade angesichts der zunehmenden Vereinsamung älterer Menschen kann ein technisches Hilfsmittel zu einem aktiveren Leben anregen. Oder für mehr Besuch von den Enkeln sorgen - "Die Kinder und Enkel vieler Teilnehmer fanden es einfach cool, dass Oma jetzt einen Roboter hat", schmunzelt AWO-Bereichsleiterin Sabine Spittel.


Standen den zahlreichen Vertretern von Presse, Radio und Fernsehen Rede und Antwort: Dr. Andreas Bley von der Ilmenauer MetraLabs GmbH, AWO-Bereichsleitern Sabine Spittel, Prof. Dr. Horst-Michael Groß von der TU Ilmenau, Fachbereich Neuroinformatik und kognitive Robotik

Standen den zahlreichen Vertretern von Presse, Radio und Fernsehen Rede und Antwort: Dr. Andreas Bley von der Ilmenauer MetraLabs GmbH, AWO-Bereichsleitern Sabine Spittel, Prof. Dr. Horst-Michael Groß von der TU Ilmenau, Fachbereich Neuroinformatik und kognitive Robotik (v.l.n.r.); außerdem Dr. Sibylle Meyer vom SIBIS-Institut, Prof. Dr. Marc Hassenzahl von der Uni Siegen und Bernd Klein von der CIBEK GmbH