Einfach nur vergesslich?

2 alte Damen sitzen nebeneinander.

Erika B. und Helena R. zwei der demenzkranken Protagonisten des AWO-Documenta-Projektes.

Die unterschätzte Volkskrankheit Demenz

Gerda H. ist unruhig. In einer Stunde kommen die Enkel und das Essen muss fertig werden. Was fehlt, ist die große Bratpfanne und sie weiß nicht mehr, wo sie sie hingestellt hat. Immer öfter passiert ihr das in letzter Zeit. Erinnerungen verschwimmen, Wörter fallen ihr nicht ein, manchmal fehlt die Orientierung, was sie gerade tun wollte.

Altersvergesslichkeit, Schusseligkeit, schnell werden die Symptome abgetan. Manchmal sogar von Ärzten. Denn das, was oft wirklich dahintersteckt ist für die meisten Menschen erschreckend und mit tiefen Ängsten verbunden.

Über eine Million Betroffene
Etwa 8 bis 13 Prozent aller Menschen über 65 Jahren leiden an Demenz. Bei den über 90-Jährigen sind es sogar 40 Prozent. Nach Schätzungen von Patientenverbänden leben in Deutschland weit über eine Million Menschen mit der altersbedingten Hirnleistungsstörung. Die Experten gehen davon aus, dass diese Zahlen weiter steigen, weil der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt.

Doch was steckt hinter der Krankheit? Wie kann man sie verlangsamen und was bedeutet die Diagnose letztlich für einen Betroffenen?

Unter dem Begriff Demenz versteht man eine ganze Reihe von Erkrankungen die zum Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit führen. Vor allem die Gedächtnisleistung und das Denkvermögen nehmen ab. Betroffene haben Schwierigkeiten, neue gedankliche Inhalte aufzunehmen und wiederzugeben. Allerdings bedeutet eine Vergesslichkeit allein noch keine Demenz.

Beeinträchtigt werden die Orientierung (Wo bin ich? Was passiert gerade?) und Urteilsfähigkeit. Später lassen das Sprach- und Rechenvermögen nach und Teile der Persönlichkeit werden zerstört. Alltagsaktivitäten wie Waschen, Kochen oder Einkaufen gelingen nur eingeschränkt und im weiteren Verlauf oft gar nicht mehr. Die Betroffenen werden unter Umständen aggressiv oder enthemmt, depressiv oder unterliegen starken Stimmungsschwankungen. Das stellt Angehörige und Pfleger häufig vor erhebliche Probleme.

Unterschiedliche Symptome
Als erstes Symptom ist eine Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses zu beobachten. Konzentrationsfähigkeit und Denkleistung lassen nach, Sprachstörungen treten auf und die Müdigkeit nimmt zu. Am Anfang zeigen sich häufig Symptome einer Depression, vor allem, wenn der Erkrankte die Abbauerscheinungen an sich bemerkt. Viele bemerken die Veränderungen an sich allerdings nicht, was leider typisch für die meisten Demenzformen ist (Anosognosie).

Später kann es auch zu Halluzinationen kommen.  Die Betroffenen sehen dann Dinge, die in der Wirklichkeit nicht existieren. Später fällt es schwer, Gegenstände und Personen wiederzuerkennen. Alltagsfähigkeiten wie Ankleiden, Kochen oder Einkaufen gehen verloren. Im Endstadium verstummen die Patienten oft, sind bettlägerig und komplett auf die Hilfe anderer angewiesen.

Um die Ursachen und den Grad einer Demenz zu bestimmen, sind Neurologen, Psychiater oder Geriater geeignete Fachleute. So genannte Gedächtnisambulanzen oder Memory-Kliniken haben sich auf die Diagnostik und Beratung bei Demenz spezialisiert.

Der Arzt befragt den Patienten und die Angehörigen zunächst nach der Krankheitsgeschichte. Angehörige sind für die Diagnose der Demenz sehr wichtig, weil die meisten Betroffenen die Symptome zum Teil selbst nicht wahrnehmen oder aus Scham lieber verschweigen. Meist folgen eine ausführliche internistisch-neurologische Untersuchung und neuropsychologische Tests, die die Demenz von anderen Krankheiten abgrenzen.
Demenz bremsen – Gehirn trainieren

Für die Mehrzahl der Demenzkranken ist derzeit zwar keine Heilung möglich, der Hirnabbau lässt sich aber aufhalten. Ist die reduzierte geistige Leistungsfähigkeit die Folge einer anderen Erkrankung wie eines Tumors, einer Depression oder einer Stoffwechselstörung, lassen sich diese Symptome meist sogar erfolgreich behandeln, indem man die Grunderkrankung therapiert.
Eine wichtige Therapie für Demenzkranke ist das Alltags- und Gedächtnistraining, wie es zum Beispiel in der Tagespflege oder in Pflegeheimen durchgeführt wird. Auch zur Vorbeuge werden solche Übungen oft erfolgreich verwendet. Ziel der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz ist es, eine feste Tagesstruktur aufzubauen, die dem Betroffenen hilft, sich besser zu orientieren. Krankengymnastik sowie das Training handwerklicher und künstlerischer Fähigkeiten unter Anleitung eines Ergotherapeuten tragen dazu bei, dass die geistige Leistungsfähigkeit langsamer sinkt oder sogar für eine gewisse Zeit erhalten bleibt.

Und trotzdem bleibt die Würde
Trotz aller Einschränkungen und Probleme, die eine Demenz mit sich bringt, das Leben und die Würde der Betroffenen sollte immer unantastbar bleiben. Inzwischen gibt es viele Ansätze, wie auch hochgradig an Demenz erkrankte Menschen gut betreut leben können. Es gibt Pflegeheime mit speziellen Betreuungs- und baulichen Konzepten (Demenzkonzepten), kleinen familienähnlichen Wohngruppen und speziellen Betreuungsangeboten. Informieren Sie sich über unsere Einrichtungsdatenbank.
Im Jahr 2007 hat die AWO Thüringen ein ungewöhnliches Projekt gestartet, das auf die Belange von Menschen mit Demenz aufmerksam machen sollte. Im Zuge der Documenta XII in Kassel wurde eine eigene – virtuelle  - Ausstellung im Internet eröffnet. Hier kommen Demenzkranke selber zu Wort. Mit ihren Erinnerungen, ihren Leidenschaften, ihren Emotionen.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema Demenz:

Deutsche Alzheimer Gesellschaft
Deutsche Alzheimer Gesellschaft Thüringen

Fragen rund um das Thema Pflege von Demenzkranken bentworten auch die AWO Pflegeberater: 01802/ 468 642* 

Quellen:
Dr. med. Alexander Reinshagen, Facharzt für Neurologie unter www.netdoktor.de
Deutsche Alzheimer Gesellschaft

*3 Cent pro Anruf aus dem Deutschen Festnetz.  

 
 

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